Montag, 12. September 2011
zwölf2011 - September: Hühnchen
Im September gibt's bei zwölf2011 kein Obst oder Gemüse, sondern Hühnchen. Soweit ich mich zurück erinnern kann, wurden in meinem Elternhaus Hühner gehalten. Keine Legehennen allerdings. Hühnchen gehören für mich zum September wie für andere Leute Bremser.
Im Frühsommer werden die kleinen, piepsigen, gelben Federbällchen beim Züchter in Kirchheim oder Uffenheim geholt, unter der Infrarotlampe gewärmt, bis der Flaum den Federn weicht und die Tage schöner werden. Die Jungs und Mädels dürfen dann tagsüber raus, im Sand und im Gras picken, den Nachbarskatzen, die zu frech werden, zeigen, was ein Schnabel ist, in aller Ruhe ihre Kleingruppensozialisation pflegen und nach Salat betteln, sobald man die Gartentür öffnet. Die Hähne heißen übrigens Alfred, die Hennen Elfriede.
Wem das genug über Hühner ist, weil er Hühner nicht isst und ihn diese ganze Landfrauenhühnerumdieeckebringgeschichte nicht interessiert, dem sei empfohlen, hier nicht weiterzulesen. Ich verspreche allerdings, es gibt keinerlei Bilder von Hähnchen im Zwischenstadium von „lebendig“ zu „küchenfertig“ oder blutrünstige Beschreibungen irgendwelcher Zwischenschritte. Und vielleicht ist es wichtig mal zu zeigen, dass es in Zeiten von Wiesenhof-Skandalen auch noch anders geht, vor allem in einem überschaubaren Rahmen, was Zeit, Kosten und Arbeitskraft angeht. Nur wollen muss man.
Wie man am Bild sehen kann, sind sie kurz vor ausgewachsen. Wie gesagt, einige der Hühner hatten dieses Jahr Probleme, vor allem mit dem Bewegungsapparat und wir sind ziemlich sicher, dass das mit der Turbohähnchensorte zusammenhängt. Leider bekommt man fast nichts anderes mehr. Wenn man also merkt, dass es einem der Tiere nicht so gut geht, wird es normalerweise zügig geschlachtet. Das hat meine Oma schon so gemacht.
Überhaupt, Hühner (und früher auch Enten) aufziehen, war immer Omas Job. Die Enten sind anspruchsvoller was das Futter angeht, normalerweise gab's für die immer gekochte Kartoffeln, grob zerquetscht, mit Schrot, von Oma in der ollen Schrotmühle in der Scheune in Tönnchenmenge geschrotet. Dafür muss man natürlich vorplanen, im Vorjahr genügend Kartoffeln setzen, damit noch im Sommer welche für die Enten übrig sind. Außerdem stehen Enten auf einen kleinen Badesee im Gehege, den sie sich, wenn sie keinen vorgesetzt bekommen, aus dem Wasser der Tränke selbst bauen. Meist sehr zur Freude der Entenhalter, die sich dann ärgern, den Enten keine kontrollierte Badewanne zur Verfügung gestellt zu haben. Manchmal bringt allerdings auch der vorgefertigte See nichts und sie setzen einfach alles unter Wasser. Dafür sind sie vom Niedlichkeitsfaktor kaum zu übertreffen, oft zutraulicher als Hühner und schmecken besser, finde ich zumindest. Hühner sind da im Gegensatz recht anspruchslos in der Haltung. Mit einem Schüsselchen Sand sind sie happy und fressen sonst auch so ziemlich alles, was man ihnen vorsetzt. Leuten, die einen kleinen Garten beim Haus haben und über die Sommerwochen eher nicht in den Urlaub fahren, ist die Hühnerhaltung wirklich nur zu empfehlen. Morgens füttern, frisches Wasser, aus dem Häuschen treiben, abends füttern, frisches Wasser, ins Häuschen treiben, fertig. Nur schlachten muss man sie halt selbst, da weiß man wenigstens, dass man ihnen unnötige Qualen vor dem Tod erspart.
Die Sache mit der Axt war der Zuständigkeitsbereich meiner Oma. Bei Enten geht das allein, bei Hühnern empfiehlt es sich jemanden zum Halten dabei zu haben. Seit meine Oma nicht mehr so konnte, hat mein Vater das Schlachten übernommen, die Oma und Tanten haben aber bis in ihre 80er fleißig weiter gerupft und ausgenommen. Mittlerweile machen es allerdings meine Eltern und ich, und Freunde der Familie, wenn sie Zeit und keine Berührungsängste haben. Mit den Jahren haben sich auch praktische Neuerungen eingeschlichen. Rupfen mit Latexhandschuhen geht zum Beispiel wesentlich einfacher als mit der blanken Hand. Sonst machen wir aber eigentlich alles wie vor 50 Jahren. Für's Ausnehmen benutzen wir immer noch die gleichen Messer wie meine Oma früher. Details dazu erspare ich euch, da gibt es Appetitlicheres, wer mehr wissen will, darf gerne nächstes Jahr um diese Zeit zum Schlachten kommen. Für schwache Nerven gibt's uralten Zwetschgenschnaps. Ihr müsst nur bescheid sagen, dann holen wir ein paar Hühner mehr.
Bis dahin müsst ihr eure Hähnchen woanders besorgen (wo die Hühner nach Möglichkeit ein so glückliches Leben hatten wie in unserem Garten), damit ihr dieses Hühnerfrikassee machen könnt. Wobei das bei uns daheim nicht Hühnerfrikassee heißt, sondern Göger in weißer Soß. Auf die Karotten darf gerne zugunsten eines Salates verzichtet werden. Statt Reis sind eigentlich auch Bandnudeln obligatorisch. Der Thymian muss aber unbedingt sein, sonst schmeckt's nicht wie bei meiner Oma. Ganz wichtig ist auch die extrem vage Zutatenangabe. Ihr wisst schon, wieviel von allem. Bis es richtig schmeckt.
Göger in weißer Soß
Öl
1 ganzes kleines Huhn
Suppengrün, 1 Bund
Wacholderbeeren
Lorbeerblatt
Pfefferkörner
ein paar Karotten
Butter
Mehl
Weißwein
Milch
getrockneter Thymian
Muskatnuss
Salz, Pfeffer
Das Huhn mit dem in Stücke geschnittenen Suppengrün anbraten. Mit Wasser ablöschen, die Gewürze hinzufügen und so lange kochen, bis das Fleisch weich ist. Das Huhn aus der Brühe nehmen, die Brühe abseihen und einreduzieren lassen.
Währenddessen die Karotten putzen und in dünne Scheiben schneiden. In der Brühe knapp bissfest garen. In einem großen Topf aus Butter und Mehl eine helle Mehlschwitze herstellen. Mit Wein ablöschen, Brühe langsam hinzugeben und kräftig rühren, damit keine Klümpchen entstehen. Mit mehr Brühe auffüllen und 10 Minuten unter gelegentlichem Rühren köcheln lassen. Derweil die Karotten aus der Brühe nehmen, damit sie nicht zerkochen. Das Hühnchen sollte mittlerweile etwas abgekühlt sein, davon die Haut entfernen und das Fleisch ablösen und zerzupfen.
Die Soße mit einem Schuss Milch, kräftig Thymian, Muskatnuss, Salz und Pfeffer abschmecken. Hühnerfitzel und Karotten dazugeben, mit Reis oder Bandnudeln servieren.
Wer eine fettärmere Variante bevorzugt, bereitet das Huhn und die Brühe schon am Vortag zu, stellt die Brühe kalt und entfernt das Fett von der Oberfläche der kalten Brühe.
zorra - #1 - 12.09.2011 09:00 - (Antwort)
Ich möchte mir auch schon lange ein zwei Hühner zulegen. Y. weigert sich leider... Vielleicht doch noch irgendwann.
Ulrike - #2 - 12.09.2011 09:05 - (Antwort)
Vielen Dank für diesen tollen Bericht. Meine Ma fand das alles doof und so endete solch ein Vorgehen bei meiner Verwandschaft jäh. Bei meinen Schwiegereltern war Hühnerhaltung noch üblich, ich weiß also genau, wovon du sprichst.
Leider existiert dieser Hof nicht mehr und ich kaufe meine Hühnchen, wenn möglich auf dem Wochenmarkt, bei der Dame, die ihre geschlachteten Hühner noch beim Namen nennt.
katha - #3 - 12.09.2011 09:39 - (Antwort)
danke für den einblick ins hühnerhalten und -schlachten. finde ich super, dass ihr das nach wie vor macht.
Magdi - #4 - 12.09.2011 10:02 - (Antwort)
Bei uns in Südtirol sagt man "Gigger". Ich war bei so einer Schlachtung als Kind einmal dabei. War total beeindruckt. So einen "Gigger" würde ich dir sofort abnehmen. Die meisten gezüchteten schmecken nach nicht viel. Legen die dann überhaupt keine Eier? Wahrscheinlich sind sie noch zu jung, oder?
Evi - #5 - 12.09.2011 20:00 - (Antwort)
@zorra: Lohnt sich! Der Aufwand ist wirklich nicht der Rede wert. Und ein bis zwei lohnt sich fast nicht, bei 10 hast du den gleichen Aufwand. ;)
@Ulrike: Finde ich gut, dass du so eine Einkaufsquelle bei der Hand hast. Ich wüsste nicht, obs das bei uns in Wü gäbe. Die Mitanwohner mögen mich korrigieren. ;)
@katha: Ist auch so ein bisschen Tradition, um die es schade wäre.
@Magdi: Unsere sind zu jung zum Eier legen. Wenn wir sie noch eine Weile laufen lassen würden, würden die Hähne vmtl. anfangen zu treten. Ist uns aber zu anstrengend, da wir keinen sonderlich großen Eierbedarf haben und es etwas komplizierter wäre, die Tiere gut über den Winter zu bringen, da im Stall nur mit Infrarotlampen geheizt werden kann. Außerdem sollte man dann eine Sorte nehmen, die aufs Eierlegen gezüchtet ist, nicht aufs Fleisch. Wenn du magst, kannst du dir gerne im nächsten Jahr einen rupfen. ;)
Anikó - #6 - 13.09.2011 22:37 - (Antwort)
Ich kenn das aus Ungarn von meinen Tanten und die Hühner schmecken so unvergleichlich viel besser seufz So ein paar Hühner fänd ich auch toll, aber das Schlachten wäre eine wahnsinnige Überwindung für mich, mir wird vom Geruch des überbrühten Hühnchen schlicht schlecht :-/ Aber vielleicht halte ich mir später ein paar zum Eierlegen und lasse sie friedlichen im Alter sterben g
Juniper - #7 - 13.09.2011 22:55 - (Antwort)
"bei Hühnern empfiehlt es sich jemanden zum Halten dabei zu haben."
Indeed, ich musste damals, als wir noch 'opn dörp' zum Übergangsmiete geworhnt haben, immer zu den Nachbarn rüberflitzen um die... äh... danach über den Zaun entfleuchten Hühnchen wieder zurückzuholen. Habe ich als wenig Splatter aber viel lustig in Erinnerung...
Evi - #8 - 14.09.2011 08:38 - (Antwort)
@Anikó: Ist doch ein Plan mit dem Hühner-Altenheim. ;) Mit dem Überbrühen hab ich kein Problem, nur beim Ausnehmen Teil 2 halt ich meine Nase in die andere Richtung. ;)
@Juniper: Vorher und nachher gut festhalten und hinterher Duschen gehen. Mehr Splatter, weniger Hühner suchen. ;)
daniela - #9 - 21.09.2011 14:07 - (Antwort)
Was für ein ehrlicher, bodenständiger Artikel zu diesem Thema liebe Evi! In meiner Kindheit hab ich meiner Oma und ihren Geschwistern öfter beim Schlachten von Schweinen und Henderln zugeschaut. Wenn man damit aufwächst, ist das ganz normal. Find ich gut, dass das bei euch in der Familie noch fortgeführt wird.
Evi - #10 - 30.09.2011 08:37 - (Antwort)
@daniela: Schweine gab's bei der einen Großtante immer, ich glaub, bei meinem ersten Schwein war ich vier oder so. Das Kesselfleisch hat mich spontan für die Problematik der Hausschlachtung begeistern können. Keine frühkindlichen Traumata, du hast recht, das ist ganz normal. Generationen vor uns habens ja auch ohne größere seelische Schäden überlebt und weitergeführt. Ich finds einfach schade, dass das auch in vielen ländlichen Regionen mit der ersten Nachkriegsgeneration ausstirbt.
Jana - #11 - 01.10.2011 19:07 - (Antwort)
So ähnlich kenne ich da sauch aus meiner Kindheit. Auf dem Bauernhof, wo ich mein gemüse hole, könnte ich auch Hühnchen bestellen. Gott sei Dank gerupft und ausgenommen, ich bin da etwas zimperlich... ich würde daher vor dem lebendigen Huhn verhungern :-)
Zum Frikassee: du hast du allerwichtigste Zutat vergessen, ohne diese darfst du es nicht Frikassee nennen: Kapern. Frikassee ohne Kapern ist wie Weihnachten ohne Weihnachtsmann :-)
Jutta - #12 - 06.10.2011 08:49 - (Antwort)
So ein toller Bericht!
Am Sonntag haben wir bei einer Geocaching-Tour einen bioland-Hof entdeckt, wo die Hühner draußen herumliefen, im Sand scharrten und es sich gut gehen ließen. In der Nähe fand ein Tag der offenen Tür auf einer Apfelplantage statt und alle Leute, die am Hühnergehege vorbei kamen, hielten mit ihren Rädern an oder blieben stehen, um die glücklichen Tiere zu betrachten.
Man schmeckt bestimmt den Unterschied bei Tieren, die bei dir/euch ein schönes Leben hatten. Auf jeden Fall schicke ich den Link meiner Nachbarin, sie spielt seit längerem mit dem Gedanken, sich Hühner anzuschaffen. Vielleicht gibt das ja den Ausschlag? Gott, bin ich heute wieder selbstlos drauf ;-)
Was mich wirklich erschreckt ist die Tatsache, dass es eigentlich keine "normalen" Viecher mehr gibt, sondern nur noch behinderte, die dem Zweck der Fleischproduktion dienen. Skandalös ist sowas.
Evi - #13 - 13.10.2011 09:42 - (Antwort)
@Jana: Kapern, pah! Da zeigt dir jeder Franke, wo dein Vogel wohnt. ;) Zumindest bei Frikassee. ;)
@Jutta: Ich hoffe, ich kann die Nachbarin überzeugen. Es ist wirklich, je nach Hühnermenge, nur ein Tag Sauerei und dafür hast du das ganze Jahr gescheites Fleisch und kannst zusehen, wie die kleinen Viecher große Viecher werden.
Was die Sorten angeht, ja, zum Aufregen. Aber die kleinen Fleisch-Daheimhalter haben halt keine Lobby um da was gegen zu tun. Bei den Enten gab es zumindest vor 10 Jahren noch viele verschiedene Sorten, Pekingenten, Flugenten, diverse Kreuzungen, da müsste man mal schauen wie das heutzutage aussieht.

















