Montag, 30. August 2010
Grundkochbuch und ein paar Gnocchi
Optisch ist das Buch sehr schön aufgemacht. Seitenfüllende, modern gestaltete und äußerst appetitanregende Fotos von benötigten Lebensmitteln, der Zubereitung, den Methoden und den fertigen Gerichten. Durchaus ein Fall für FoodPornDaily. Im Gegensatz zu anderen Kochbüchern steht der Fokus bei der Bildauswahl hier allerdings nicht auf den fertigen Gerichten: Das in der Pfanne brutzelnde Schnitzel kann auch mal den Großteil der Seite einnehmen, dafür fehlt ein Bild von der angerichteten Version komplett. Manche mag das stören, ich finde es in Ordnung. Was das Gericht ausmacht, kommt auch so „rüber“. Zu den vielen Variationen die von einer Grundzubereitung vorgestellt werden, fehlen die Fotos oft. Auch das finde ich nicht schlimm, die Technik wird ja vernünftig dargestellt auf den Seiten zuvor. Das einzige was mich ein wenig stört, ist die teilweise wirklich übermäßige Verwendung von sehr geringer Schärfentiefe. (Beim Auslösen einer Jakobsmuschel z.B. muss nicht unbedingt nur die Messerklinge scharf dargestellt sein, es würde nicht schaden, wenn die Muschel selbst es auch wäre.) Ich weiß, ist modern und künstlerisch wertvoll gerade, stört mich aber etwas in dieser massenhaften Verwendung.
Ein Kritikpunkt ist die mitunter etwas chaotische Verteilung der Informationen. Um das Hauptrezept gruppieren sich ein „das ist wirklich wichtig“ Abschnitt, auf den sich Bilder und Rezept beziehen. Gelegentlich gibt es noch kleine Absätze mit Extratips und -informationen. Wer sich also ein Rezept ausgesucht hat, sollte sich zuallererst die Einleitungstexte des betreffenden Zwischenkapitels noch einmal zu Gemüte führen und ausserdem wirklich alles lesen was auf der Rezeptseite steht. Wer gezielt auf der Suche nach bestimmten Informationen ist und dabei die grundsätzliche Systematik verschiedener Gerichte noch nicht verinnerlicht hat, wird da gewiss eine Weile brauchen.
Der Inhalt. Tja, hier wieder der Punkt von Oben. Für wen? Im Vorwort wird eher der unerfahrene Koch angesprochen. Unkomplizierte und aufwandsarme Gerichte mit kreativen Variationen sollen zeigen, wie vielfältig das Kochen sein kann, wenn man bei den Grundlagen Sicherheit gewonnen hat. Am Anfang der Kapitel stehen grundsätzliche Informationen zu den Zutaten über Einkauf, Qualität, Lagerung und Zubereitung. Auch Hinweise auf Überfischung fehlen nicht, löblich! Sehr hilfreich finde ich die oft dabei abgedruckten Garzeittabellen, die einem helfen auch ohne Thermometer auszukommen. Der erfahrene Hobbykoch hat diese Garzeiten da schon eher im Gefühl. In den Rezepten sind die Methoden wirklich anfängersicher dargestellt, auch das warum wird geklärt. Was ich aber bei den Rezepten zu bemängeln habe, ist dass die Grundrezepte teilweise eben nicht die Klassiker sind, die ich in einem Grundkochbuch für Anfänger erwarten würde, sondern selbst schon aufgemotzt, „dem heutigen Geschmack angepasst“, wie im Vorwort steht. Ich bin der Meinung, dass man erst einmal das Gericht an sich „verstanden“ haben sollte, bevor man sich an exotische Varianten macht. Das ist aber natürlich Geschmackssache. Der Schweinebraten kommt zum Beispiel im Grundrezept sehr bodenständig süddeutsch daher, in den Variationen gibt es noch eine italienische Variante. Prima! Nicht prima ist allerdings, dass es kein Rezept für Kartoffelknödel (obwohl sie z.B. beim Schweinebratenrezept empfohlen werden) gibt, für Gnocch und Schupfnudeln schon. So ganz klar ist mir die Auswahl da nicht.
Der Kalbstafelspitz (das einzige Rezept mit pochiertem Fleisch) darf im Gegensatz zu den traditionelleren Braten im Zitronengrassud asiatisch garen, mit Kaffirlimettenblättern, Ingwer, Reiswein und Koriander. Interessante Kombination, gerade bei meinem Faible für Crossover-Küche, geht meiner Meinung nach für ein Grundkochbuch aber gar nicht. Ein kurzer Absatz zum Original wäre hier beispielsweise hilfreich gewesen. Vielleicht bin ich hier zu sehr von meinen fränkischen Wurzeln beeinflusst, aber bei einem Grundpfeiler der fränkischen Küche, dem fränkischen Hochzeitsessen, verstehe ich keinen Spaß. ;)
[Kurzer Exkurs für die Neigschmecktn und in der fränkischen Kulinaristik Unbeleckten: Fränkisches Hochzeitsessen ist — wie der Name schon sagt — das traditionelle Essen bei einer Hochzeit in Franken, wird aber auch einfach mal so am Sonntag serviert. Es besteht aus Tafelspitz, wie auch sonst überall in Süddeutschland und Österreich mit Suppengemüse pochiert, Bandnudeln, Semmelbröseln, Preiselbeeren und Grää, der fränkischen Kren, also Meerrettich mit Einbrenne. Es bietet sich an, beim Grää-Verspeisen und damit verbundenem Naseputzen ordentlich Witze über die arme Person zu machen, die den Grää reiben musste. Meistens ist das der Job des Vaters.]
Was auch gar nicht geht, ist folgender Absatz aus der „das ist wirklich wichtig“-Abteilung vom Tafelspitz: „Bei der Zubereitung einer Brühe geht es darum, dass möglichst viele Geschmacksstoffe aus dem Fleisch in die Flüssigkeit übergehen. Anders beim Tafelspitz: Hier steht das Fleisch im Mittelpunkt. Damit sich die Poren schnell schließen und das Stück saftig bleibt, geben Sie es ins kochende Wasser.“ Die Poren. Beim Pochieren. Öfter mal was Neues.
Die Autorin Cornelia Schinharl ist keine Unbekannte, wenn es um Kochbücher geht, ich besitze selbst einige Hefte aus dem GU Verlag von ihr. Sie war schon an mehreren (erfolgreichen) Grundkochbüchern beteiligt (z.B. aus der „Basic“-Reihe von GU, u.a. mit Sebastian Dickhaut), sollte also wissen, worauf es ankommt.
Fazit: Ein etwas ungewöhnlicher und neuer Ansatz für ein Grundkochbuch. Optisch und haptisch (Lesezeichenbändchen!) schön aufgemacht. Die Gliederung ist sinnvoll, der Umfang angemessen, auch wenn mir subjektiv gesehen ein paar Rezepte fehlen. Irgendwo muss der Schnitt sein. Zielgruppe ist ganz klar der Kochanfänger mit einem gewissen Vorwissen, der langsam nach Höherem strebt. Erfahrene Köche werden außer einiger interessanter Anregungen aus den Rezeptvarianten wenig Neues mitnehmen. Zwar werden die meisten heute üblichen Grundmethoden des Kochens vorgestellt, wer aber auf der Suche nach außergewöhnlicheren Rezepten und Methoden ist um sein Repertoire zu erweitern wird enttäuscht, auch wenn der erste Eindruck beim Durchblättern anderes vermuten lassen könnte. Die Rezepte sind klassisch bis modern, aber eher nicht für konservative Esser gedacht. Man sollte sich vor dem Kauf einfach das Buch mal in die Hand nehmen und sich fragen, was man von einem Grundkochbuch erwartet und wie man sich selbst einordnen würde. Ich kenne jedenfalls einige Leute, denen ich das Buch bedenkenlos schenken würde und die sicherlich ihre Freude damit hätten. (Preis liegt übrigens bei 19,95 Euro.)
(Bei Valentinas Kochbuch gibt es übrigens noch drei Rezensentenmeinungen zum Buch.)
[Der beste Mitesser (und -koch!) von allen möchte übrigens anmerken, dass ihm nichts über das Bayerische Kochbuch geht. Die Ausgabe, die wir hier haben, ist die 53. Auflage von 1986. Ich hatte noch keine neuere Version in der Hand, gehe aber davon aus, dass hier behutsam modernisiert wurde. Unsere Ausgabe hat übrigens sowohl Gnocchi als auch Knödel in allen Varianten, dafür kaum Fotos. ;) ]

Damit nicht alles graue Theorie bleibt, habe ich mich an das Gnocchi-Grundrezept aus Gut gekocht! mit der Variante „Aubergineragout“ gemacht. Im Original gibt es dazu Ofentomaten und Pinienkerne. (So ähnlich wie bei Steph, nur mit Fenchelsamen und verschiedenen Kräutern.) Mit Gnocchi stehe ich schon länger auf Kriegsfuß und auch dieses Rezept konnte mich nicht glücklich machen. Der Kartoffelteig war mit den angegebenen Mengen der Zutaten viel zu feucht. Auf die Schnelle bin ich nicht an Mehl aus Hartweizengrieß gekommen und habe wie empfohlen Mehl und Grieß halb und halb gemischt. Von dieser Mischung musste ich nocheinmal fast 200 g mehr zugeben, als das Rezept verlangt hatte, um halbwegs die gewünschte (im Kochbuchfoto gezeigte) Konsistenz zu erreichen. Die Folge waren Gnocchi mit viel zu viel Biss und einer gewissen Zähigkeit. Ein Versuch mit Mehl aus Hartweizengrieß steht noch aus. Failsafe sieht jedenfalls anders aus. Das Auberginenragout dagegen war köstlich. Das gibts bei uns aber auch öfters so ähnlich. ;)
Für 4 Portionen:
Für die Gnocchi:
800 g vorwiegend festkochende Kartoffeln
275 g Mehl aus Hartweizengrieß (ersatzweise Mehl und Grieß zu gleichen Teilen gemischt)
1 Ei (Größe S)
Salz
Mehl für die Arbeitsfläche
Für das Auberginenragout:
400 g Auberginen
4 EL Olivenöl
4 gehackte Knoblauchzehen
2 Zweige Rosmarin, die Blättchen
1 Zweig Salbei, die Blättchen
8 Zweige Oregano, die Blättchen
400 g gehackte Tomaten
1/8 l trockener Rotwein oder Gemüsebrühe
Salz, Chilipulver
Die Kartoffeln in der Schale in 20-30 Minuten weich kochen. Abgießen, heiß schälen und durch die Presse drücken [a]. Kartoffelmasse lauwarm abkühlen lassen.
Dann das Mehl, das Ei und 1 gehäuften TL Salz zu den Kartoffeln geben und alles zu einem geschmeidigen Teig verkneten[b]. Teig auf der bemehlten Arbeitsfläche zu fingerdicken Rollen formen. Von diesen knapp 2 cm lange Stücke abschneiden und nach Belieben mit Rillen versehen [c].
Ein Küchentuch mit Mehl bestreuen, die Gnocchi darauf wenden und mind. 1 Stunde trocknen lassen.
Inzwischen für das Auberginenragout die Auberginen würfeln und im Olivenöl anbraten. Knoblauch und Kräuter kurz mitbraten, mit Tomaten und Flüssigkeit aufgießen, mit Salz und Chili würzen und zugedeckt bei schwacher Hitze ca. 30 Minuten schmoren.
Für die Gnocchi reichlich Wasser mit Salz zum Kochen ringen. Gnocchi einlegen und bei schwacher bis mittlerer Hitze ca. 5 Minuten leise sieden lassen, bis sie an die Oberfläche steigen.
Gnocchi mit dem Schaumlöffel aus dem Wasser heben und in eine vorgewärmte Schüssel geben. Sauce darauf verteilen und alles locker mischen.
was wirklich wichtig ist:
[a] Heiß pressen — Die gekochten Kartoffeln nur leicht abkühlen lassen, dann heiß schälen und durch die Kartoffelpresse locker verteilt auf ein Küchenbrett drücken.
[b] Der perfekte Teig — Kneten Sie Mehl, Ei und Salz mit den Kartoffeln zu einem formbaren Teig. Er soll weich sein, darf aber nicht an den Fingern kleben.
[c] Rillen formen — Wer's klassisch mag, taucht die Zinken einer Gabel in Mehl und drückt den Gnocchi damit nach und nach auf beiden Seiten Rillen ein.
Kommentare (4) | Trackbacks (2)
Juliane - #1 - 30.08.2010 13:03 - (Antwort)
Ich war ja eine der drei Kochbuchtesterinnern von Valentinas Kochbuch und habe am Samstag jetzt auch mal Gnocchi nach dem Rezept aus "Gut gekocht" gemacht. Bei mir gab es dann was anderes dazu, ich habe nur das Gnocchi-Grundrezept verwendet, aber die Gnocchi sind echt prima geworden, so wie Gnocchi sein sollen. Der Teig war weich aber nicht klebrig, bestens! Wobei ich sagen muss, ich habe nur 400g Kartoffeln verwendet, aber trotzdem ein ganzes Ei, und ich habe 70g Mehl und 70g Hartweizengrieß dazugegeben. Ergab perfekte Gnocchi.
Das Auberginenragout werde ich auch noch testen, wenn das bei euch so gut ankam :)
Viele Grüße und schöner Tag noch,
Juliane
Evi - #1.1 - 30.08.2010 17:54 - (Antwort)
Hm. Bei mehr Ei hätte das ja tendenziell feuchter sein müssen als bei mir... Vielleicht lags ja auch an meinen Kartoffeln, waren allerdings vorw. festkochende, wie im Rezept angegeben. Nächstes Mal lasse ich den Teig pappig wie er ist und nehme dann bei der Verarbeitung entsprechend mehr Mehl. Dann fallen die Gnocchi vermutlich im Topf auseinander, aber dann kann ich's auch nicht halten. Vielleicht liegt's an meinem schlechten Gnocchi-Mojo. ;) Kartoffelklöße in allen Variationen hingegen sind absolut kein Problem bei mir. Da wird aber auch nach tradiertem Familienrezept gearbeitet. ;)
Hesting - #2 - 02.09.2010 08:52 - (Antwort)
Ich habe fast alle Rezensionen gelesen, nun bin ich abgeschreckt. ;)
Wobei ich allerdings auch glaube, daß ich nicht mehr "mal eben so" ein Kochbuch kaufen werde, sofern es mehr als 5 Euro kostet. ;)
Ich bin ja schon mit einem Grundkochbuch versorgt und Bücher, die einfache und exotische Gerichte kombinieren, habe ich auch zur Genüge.
Evi - #2.1 - 02.09.2010 09:02 - (Antwort)
Ich selbst bin auch ohne Grundkochbuch zur passablen Köchin geworden, bei uns haben früher halt alle zusammen gekocht bzw. man hat Eltern und Oma auf die Finger gesehen. Und falls doch mal was unklar war, wurde ein Blick in das große Buch mit dem weißen Ledereinband geworfen, da steht alles drin. Ich muss unbedingt rausfinden, wie das Buch heißt und ob das noch zu bekommen ist. Der verwendeten Schriftart nach müsste es aus den späten 40ern sein. ;)
Aber ich denke auch mit dem hier besprochenen Buch ist es so, dass man es einfach mal in die Hand nehmen muss und schauen, ob es zu einem passt und ob sich die eigenen Erwartungen mit dem Angebot decken.


















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